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2. Mai 2011

Rendez-vous mit Minerva.

Es ist saukalt an diesem Mittwochmorgen, doch es verspricht, ein wunderschöner Tag zu werden und ich freue mich auf ein friedliches Oldtimer-Fährtchen über den Chall und durch das Laufental in die malerischen Freiberge bis nach Villeret.

Dort will ich heute die Manufaktur Minerva besuchen.

Minerva hat eine bewegte Geschichte hinter sich – war kurz in den Händen eines italienischen Investors und landete 2005 im Schosse des Richemont-Konzerns und ist dort seit 2006 der Marke Montblanc angegliedert. Doch davon später mehr.
Der Jaguar E-Type gurgelt vor sich hin und ich ziehe mir noch rasch einen Pulli mehr über. Das Gerät verlangt Aufmerksamkeit, denn mit Zwischengas zu schalten ist nicht jedermanns Sache. Doch zwei Stunden später parkiere ich vor der Manufaktur.

Ich werde vom Direktor, Herrn Cabiddu, empfangen und nach einem Kaffee in die Geschichte der Marke eingeführt. Dabei kommt Erstaunliches zu Tage. Mir war zum Beispiel nicht klar, dass schon im 18. Jahrhundert eine grosse Arbeitsteilung herrschte und auch die Unterteilung in Rohwerke, Fabrikation und  Ausbau der Werke auf eigene Bedürfnisse, Veredelung und schliesslich Einschalung existierte. Generell erhalte ich den Eindruck, dass da in einer Welt des Miteinanders - und nicht etwa wie heute üblich des Gegeneinanders - gearbeitet wurde.

Minerva verfügt über einen Riesenfundus an kaufmännischen Unterlagen, Zifferblättern, Gläsern und Ersatzteilen für ihre alten Uhren. Auch die Werkzeuge und Maschinen, um gewisse Teile wieder herzustellen, sind noch vorhanden.

 

Die Manufaktur war seit jeher in der Welt der Chronographen zu Hause und war auch, neben Omega, offizieller Zeitnehmer der Olympischen Spiele 1936.
Hier existiert eine grosse Vielfalt an Chronographen mit Flyback, Schleppzeiger Rally Uhren, Uhren für den Start von Segelregatten, Pulsometern, Tachymetern und vielem mehr.

 

Nun geht es in die Fabrikation. Dabei fallen sofort die Detailversessenheit und auch die Ruhe und Konzentration auf. Ich habe ja schon viel gesehen, aber das ist von einem anderen Stern.

Technik ja – auch hier sieht man modernste CAD-Systeme für die Konstruktion und auch numerische Automaten, aber die althergebrachten Produktionsprozesse dominieren.
Man nimmt sich Zeit und kann es sich auch leisten, denn dahinter steht der spürbare lange Atem des Mutterkonzerns.
Hier stehen alte  70-Tonnen-Pressen mit schrankweise gefüllten Matrizen. Niemand arbeitet hier – ist ja auch nicht jeden Tag nötig bei einer Jahresproduktion von 200 Stück.

 

Weiter geht es zur Fabrikation der eigenen Spiralfedern. Hier werden die Erklärungen etwas karger und die Auskünfte spärlicher. Nur wenige beherrschen diesen Prozess, auch die Grossen kaufen diese Komponente bei Hayek. Für die Herstellung einer Uhr mit zwei ineinander verschachtelten zylindrischen Spiralfedern, die auch noch gegeneinander atmen, ist die Beherrschung dieses Prozesses aber unabdingbar, denn kaufen kann man diese Teile nicht.

 

Weiter geht es zu den Uhrmachern. Auch hier konzentrierte Ruhe. Jeder baut seine Uhr von A bis Z. Zusammenbau, Anpassung aller Teile, denn keine Uhr ist hundertprozentig baugleich und die Automatisation lohnt nicht, denn es werden pro Modell 8 oder 58 Stück gebaut.

Funktioniert die Uhr und ist sie getestet, so fängt die Arbeit erst an. Nun wird sie auseinander gebaut und alle Teile werden dekoriert. Perlagen, Genfer Streifen, Sonnenschliffe, anglierte und polierte Kanten und das alles von Hand. 
„Ich verbiete die Verwendung von Poliermotoren – das ist mir zu industriell“, sagt Herr Cabiddu. „Ich bevorzuge eine Handpolitur auch wenn sie nicht so perfekt ist wie von der Maschine. Das zeigt die Handschrift des Uhrmachers und unsere Sammler schätzen das.“

Nun bekomme ich Gelegenheit die fertigen Uhren in die Hand zu nehmen. Wundervolle Chronographen und Tourbillons werden mir mit grossem Respekt vor der gewaltigen Arbeit und dem grossen Können vorgeführt und erklärt.

Nach einem abschliessenden Espresso mache ich mich hochbefriedigt und voller Respekt auf den Heimweg. Dieses Mal in der warmen Nachmittagssonne eines perfekten Frühlingstages.

Danke Mr Cabiddu

 

Urs Mezger / April 2011

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